High Heel Feminist, Wellington Rebel, Mary Jane Chuzpenik

Sind wir nicht alle ein bisschen Loch?

Sind wir nicht alle ein bisschen Loch?

Mit dem „Spruch „Loch ist Loch“ wagt Lidl eine Expedition in die Untiefen des Social Media Marketings, in Tiefen, die die Lager spalten und die es mittlerweile in viele nationale Medien geschafft hat.
Was ist passiert? Haben wir Feminazis wieder ein Kompliment mit Sexismus verwechselt und alles war – mal wieder – völlig harmlos?

Samstag Abend veröffentlichte der Discounter Lidl auf seiner Facebook-Präsenz das Bild eines Donut und eines Bagels. Versehen war die nicht besonders kreative Präsentation der beiden Hefeteilchen mit dem Spruch „Loch ist Loch“.

Jemand im Praktikum mausgerutscht?

Leider nicht. Trotz sehr bemühter Versuche des Lidl Social Media Teams, diesen poetischen Erguss als „zweideutig“ zu vermarkten, entpuppte sich diese Taktik als Rohrkrepierer.

Die Aussage „Loch ist Loch“ entstammt einem eindeutigen sexuellen Kontext. Er bezieht sich darauf, dass es egal ist, mit wem bzw. mit welchem Loch (vaginal oder anal) Mann Sex hat, Hauptsache Mann hat Sex.
Diese Aussage entpersonifiziert die Sexpartnerin(nen), objektifiziert sie und macht sie zum reinen Ding. Etwas, das existiert, um männliche Vorstellungen und Bedürfnisse zu erfüllen. Egal wie. Egal wer.

Aber auch wenn wir „das Loch“ unabhängig von Frauen denken, ist es nicht weniger sexualisiert, gewaltvoll, reduzierend und ekelhaft. Ein Mensch wird zu einem Ding. Zu einem Loch. Etwas, dessen Zweck es ist, für andere verfügbar zu sein. Witzig, oder?

Um den Post entlud sich jede Menge Unmut. Kritische Kommentare wurden von Seiten Lidls mit GIFs kommentiert, Links zu werbemelder.in und dem deutschen Werberat regelmäßig gelöscht.
Kommentare, die sich mit den „Emanzen“ beschäftigten, die sich nicht so haben sollten, oder auf deren vermeintliche Probleme eingingen, blieben hingegen stehen.
Ein Vater, der seine Sorge über die Entwicklungen der Werbung teilte, wurde von einem anderen Kommentator als „Hund“ bezeichnet. Für das Social Media Team von Lidl alles kein Problem.

Immer wieder sind die von Männern verwendeten Buzzwords wie SJW oder Schneeflocke(n) zu lesen. Viele begnügen sich einfach mit „Emanzen“ und „Feministen“ (spannend im Übrigen, was heute alles ein Schimpfwort ist). „SJW“ steht hierbei für Social Justice Warrior, eine Person, die sich in gewisse virtuelle Diskussionen einmischt, der es aber nicht um die Sache geht, sondern hauptsächlich um sich selbst. „Schneeflocke“ oder snow flake ist eine Bezeichnung für eine empfindliche Frau, der es alles in allem zu gut geht. Beide Begriffe werden ausschließlich negativ und abschätzig verwendet.

Gefühle. So viele Gefühle.

Heute Morgen wurde der Post gelöscht und es folgte eine Erklärung von Lidl.
Zwar war meine Erwartung nicht wirklich groß, Lidl hat es aber wirklich geschafft, auch diese wirklich geringe Hoffnung zu enttäuschen und sich im Verlauf der nächsten Stunden zu unterbieten.

Lidl teilte mit, den Post gelöscht zu haben, da es zu sehr kontroversen Diskussionen gekommen sei, die Lidl so nicht führen möchte, dass Unterhaltung aber dort aufhören würde, wo andere verletzt würden und dass das Unternehmen sich dafür entschuldigen würden.

Wir haben den 4. Februar und ich halte den Begriff der „Diskussion“ hierfür für den Euphemismus des Jahres 2019.

Zu schreiben, dass etwas offenbar die Gefühle von anderen Menschen verletzt hat, was ja ein rein subjektives Empfinden ist, und wofür diese Menschen ja selbst verantwortlich sind, ist etwas anderes, als zuzugeben, dass man objektiv einfach Scheiße gebaut hat. Es nimmt den Empfänger in die Verantwortung, nicht die Seite, die diese Botschaft geäußert hat.

Nicht nur angesichts dessen, wie Lidl aktiv in den Diskussionen zum „Loch“ mitgemischt hat und beteiligt war, sondern und vor allem, wie Lidl mit dem umgeht, was dann passiert. Von der gestrigen Aktivität von Lidl ist heute nichts mehr zu sehen. So aktiv wie das Team von Lidl im Lochbeitrag war, so still war es dann heute.
Reden ist Silber und Schweigen ist Gold. Hier nicht.

Lasset die Kommentare beginnen!

Die Anzahl der Kommentare schnellt rasant in die Höhe, immer mehr Menschen stürzen sich auf die Seite und es geht los.

Von noch verhältnismäßig harmlosen, aber nicht weniger geschmacklosen Aufforderungen, diejenigen, die sich gestört fühlen sollen doch den Stock aus dem Arsch ziehen, bis hin zu Ratschlägen, dass diejenigen, die darin Sexismus erkennen wollen, in ärztliche Behandlung gehören. Oder Frauen, die betonen eine Frau zu sein und es absolut nicht sexistisch finden, und Männer die sich beschweren, über nichts mehr lachen zu dürfen.
Die Verteidigung patriarchaler Privilegien kennt viele Formen, und sie findet auch unter Frauen immer ausreichend willige Unterstützerinnen.

In ein paar Kommentaren fragen sich Frauen, wie andere Frauen das nicht sehen können oder weshalb sie so reagieren. Die Antwort lautet meist, dass sie eben über ein stärkeres Selbstbewusstsein verfügen und sich nicht so behandeln lassen würden. Frauen, die zum „Loch“ würden, wären ja selbst Schuld.
Reframing vom Feinsten. Die Frauen sind selbst Schuld. Wieder liegt die Verantwortung ausschließlich bei den anderen. In dem Fall bei Frauen, die zum Objekt werden, statt dazu gemacht zu werden.
Wie schnell das gehen kann und wie wenig Einfluss Frau darauf hat, durfte wahrscheinlich schon Jede feststellen.

Warum tragen wir, was wir tragen?
Warum tun wir, was wir tun?
Warum sind wir, wie wir sind?
Warum sind wir nicht einfach anders?

Dass das eigene Empfinden für Sexismus nicht unbedingt objektiv ist und Jede (!) die Möglichkeit hat sich zu fragen, ob es lustig ist, über etwas zu lachen, das andere offensichtlich verletzt oder dass einigen Männern jedes Gefühl für einen respektvollen Umgang mit anderen Menschen, besonders Frauen zu fehlen scheint, ist nun keine neue Erkenntnis.

Es ist einfach und verführerisch, sich als Frau einzureden, dass wenn Männer oder andere Frauen so über Frauen sprechen, nicht einen selbst meinen. Man selbst ist anders. Nicht so ein Loch. Nicht so schwach, nicht auf diese wertlose Art weiblich. Frau selbst verfügt ja über Qualitäten und ist mit „denen“ nicht zu vergleichen. Aber egal wie sehr ihr Männern nach dem Mund redet, euch anpasst, ihnen gefallen oder ihnen gleichen wollt, mitgeht in ihrer Verachtung für alles „Weibliche“, nichts davon wird dazu führen, dass ihr zum peer werdet. Dass euch erspart bleibt, wogegen „die Emanzen“ da kämpfen und sich so anstellen. Am Ende das Tages seid ihr ein Loch, und es werden sich Frauen finden, die glauben anders zu sein als ihr. Nicht auf diese verachtenswerte Art „weiblich“, die genauso über euch denken, wie ihr über die anderen. Die dann wieder sagen, ihr sollt euch nicht so anstellen.

Vielleicht geht es nicht um den geschmacklosen Spruch. Vielleicht geht es um den Typen der euch belästigt. Vielleicht geht es  um „xyz“.

Ich wünsche es euch nicht.

Ich hoffe, dass dann Menschen da sind, die gewisse Verhaltensweisen nicht tolerieren, statt euch zu sagen, ihr sollt euch nicht so haben.

So wundert es nicht, dass der Großteil der bösartigen, sexistischen, bodyshamenden Kommentare von Frauen stammt, die sich gegen Frauen, aber auch Männer richten, die sich dagegen wehren, dass eine große deutsche Lebensmittelkette mit der Objektifizierung von Menschen Werbung und dadurch mehr Umsatz machen will.

Am Ende dieser Werbung, wenn die Lacher verflogen sind. Bleibt „Loch ist Loch“ nur ein geschmackloser, sexistischer Spruch, von einem Discounter, der Unterhalten will, dies aber nicht auf eine Art zu schaffen scheint, die niemanden Abwertet.

Gegen derartige Aussagen von Unternehmen, helfen nur Löcher in den Umsätzen. Dieser Spaß liegt an den Verbrauchern.