High Heel Feminist, Wellington Rebel, Mary Jane Chuzpenik

Mehr als Sex

Mehr als Sex


Ich habe übers lesbisch sein gesprochen.
Sie über Homosexualität.
Ich habe über mein Leben und Empfinden gesprochen.
Sie haben über Sex gesprochen.

Irgendwie geht es meist um Sex, wenn es um Sexualität geht. Als würde sich die Sexualität eines Menschen dadurch definieren, welches Geschlecht dieser Mensch zu Erfüllung seiner sexuellen Bedürfnisse bevorzugt. Als wäre es eine ganz einfache, unkomplizierte Sache.

Als ob es dazu wirklich und so ganz unbedingt überhaupt einen anderen Menschen bräuchte.

“Mir ist egal mit wem du Sex hast.”


Danke. Nein. Tolerant gemeint aber völlig daneben. Ein Satz, bei dem ich nie weiß ob ich lachen oder weinen soll. Ob ich ihn so stehen lassen oder drauf eingehen soll. Das ist Abwertung des “anderen”, kombiniert mit indirekter Aufwertung und Normalisierung des eigenen, garniert mit einem Sahnehäubchen aus Toleranz. Die keine ist.

Nicht jeder Sex zweier Menschen des gleichen Geschlechts hat direkt etwas mit “gleichgeschlechtlicher Liebe” zu tun. Genauso wenig wie Sex zwischen zwei Menschen überhaupt direkt etwas mit Liebe zu tun hat. Als ob Sex (besonders bei Frauen) nicht völlig ohne Liebe auskommen könnte. Nicht jede*r die*der sich ausprobieren will, ist automatisch “ein Homo”.
Und selbst bei diesem, so rein auf den sexuellen Akt fixierten Blick, bleibt selbst das sexuelle an sich unvollkommen. Safer Sex für Frauen mit Frauen? Kein Thema. Überhaupt existent?

Es ist nicht nur so, dass mich die Körper von Frauen deutlich mehr ansprechen als die von Männern. Das wäre zu einfach. Menschen sind mehr als Körper. Ich mag Frauen. Nicht nur sexuell. Ich mag ihre Stimmen. Ich mag ihre Stärke. Ihre Gedanken. Ich liebe ihre Energie. Das hat nichts mit Sex zu tun. Ich bewege mich am liebsten unter Frauen.
Gleichzeitig habe ich vor nichts mehr Angst, als vor der Ablehnung, dem Hass und dem Ekel von Frauen. Dem getrennt sein, von denen die doch irgendwie Peer Group sind.

„Du stehst doch nicht etwa auf mich, oder?“

Mit der Zurückweisung, Boshaftigkeit, Geringschätzung und anderen negativen Verhaltensweisen von Männern komme ich dagegen weit besser zurecht. Sie sind mir nicht so nahe. Sind mir trotz langen Jahre in “Ihrer Domäne” fremd. Ich habe es bisher nur einmal in meinem Leben geschafft eine solche Verbindung zu einem Mann zu haben, wie ich sie sonst  zu all meinen Frauenbeziehungen hatte.

Jedes Mal, wenn lesbisches Leben auf Sex heruntergebrochen wird, dreht sich dieses kleine Rädchen in meinem Hirn. Wie damals mit 13, als ich dachte, nie Zugang zu der Welt und ein Leben wie die anderen zu bekommen.

Sexualität für den Blick des Beobachters. Nicht für sich und die Partnerin.
Orientierung an heteronormativer Paar-, Beziehungs- und Glücksvorstellung.
Ohne eigene Kultur. Ohne Fundament. Irgendwie unvollkommen. Fade. Etwas fehlt.

Und das ist genau der Punkt. Ein gelebtes Leben hat so viele Facetten. So viele Geschichten. Verschiedene Menschen mit verschiedenen Geschichten, mit verschiedenen Leben. Das formt Kultur. Eine existente Kultur.

Wenn von sexueller Identität gesprochen wird, will ich kein Etikett verpasst bekommen um in die eine oder andere Schublade zu passen. Etiketten sind klein und Schubladen sind eng. Es ist nicht die Frage wen Mensch begehrt. Es bildet ein Stück Identität. Mit allem was dazu gehört. Vielleicht ist da Sex. Sicher ist aber mehr als Sex wenn wir von “gleichgeschlechtlicher Liebe” oder “Frauenliebe” sprechen, lesen oder schreiben wollen.

Es ist Faszination, Nähe, Verbundenheit und ein ganzes buntes Spektrum an Emotionen, Gesten, Worten, Taten. Es kann all das sein, was eine heterosexuelle Liebesbeziehung sein kann. Mehr als Sex.