High Heel Feminist, Wellington Rebel, Mary Jane Chuzpenik

Make it Stop – Let this end

Make it Stop – Let this end

„Wofür schämst du dich?“
„Wie ehrlich soll ich sein?“
„Ganz.“
„Ich schäme mich für meine sexuelle Orientierung“.


Wahrheit oder Pflicht, erster Abend

Ich weiß, dass ich auf Frauen stehe, seit ich 13 Jahre alt bin. Das war mir immer klar.
Ich war auf vielen Schulen. Geflogen von einer zur nächsten.
Immer wenn „das Homo-Thema“ in der Schule die Runde machte, war ich im Arsch. So richtig.
Sportunterricht war die Hölle. Die anderen weigerten sich, mit mir die Umkleide zu teilen. Also Umziehen in einer extra Umkleide, in der Lehrer*innenumkleide oder auf der Toilette.
Umziehen vor, bzw. mit „der Lesbe“ war ein No Go.
Tuscheleien, Tratsch, Beschimpfungen und Blicke waren meine täglichen Begleiterinnen. Die Blicke waren das Schlimmste.
Wer nett zu mir war, durfte sich bald von anderen Mädchen anhören, was denn zwischen uns laufen würde. Ob da „etwas wäre“, wir uns die „Muschi lecken“ würden und noch viele andere schöne Dinge.
Ich war froh, auf das technische Gymnasium zu kommen. Keine Mädchen. Nur Jungs. Sicherheit auf gewisse Art. Ich war den Tratsch los und irgendwie frei. Anders gefangen.
Von anderen Frauen habe ich mich auf der persönlichen Ebene sehr lange fern gehalten. Mir gab das ein Gefühl der Sicherheit.

Vor etwa zweieinhalb Jahren wurde ich Teil einer Gruppe von Frauen, die sich über bestimmte Themen austauschen und mit der Zeit zu einer Community zusammen wuchsen, die sich begleitet und stärkt. Aller Meinungsverschiedenheiten und Streitereien zum Trotz.
Ich habe lange gebraucht, um mich in dieser Gruppe zu öffnen und ehrlich zu sein. Erst nach fast eineinhalb Jahren war ich soweit, offen zugegeben, dass ich den Regenbogen reite. Aus Angst vor all dem, was ich über die Jahre so gelernt habe.
Bei einem Treffen spielten wir am zweiten Abend „Wahrheit oder Pflicht“.
Ein paar wollten wissen, ob ich Sex mit einer anderen Frau aus der Runde hatte.
Wobei „spielen“ einfach nicht das richtige Wort ist. Es war eher ein Verhör. Meine ausgiebige Befragung, dann das Umlegen der Flasche in Richtung meiner vermeintlichen Sexpartnerin und dann deren Befragung. Sicher nicht böse gemeint. Eine Blödelei.

Das hat mir für die andere extrem Leid getan, war mir unsagbar peinlich und für mich war es ein Spießrutenlauf. Ich habe versucht, mit Humor vor etwas auszuweichen, vor dem ich am liebsten weinend weggelaufen wollte, aber nicht konnte. Mich nur nicht getroffen zeigen.
Das hat sich angefühlt, wie ein Ausflug in dunkelste Teenie-Zeiten zurück. Ich war wieder 16. Auf dem Schulhof. In der Umkleide.
Ich war fertig.
Schlafen konnte ich erst am frühen Morgen.

Ich habe mich um Distanz zu drei Frauen, die mir sehr viel bedeuten, bemüht und diese auch gehalten, aus Angst davor, so etwas mitmachen zu müssen. Aus Angst davor, dass die anderen so etwas mitmachen müssen. Meinetwegen. Weil ich es eben nur so kenne. Weil ich nicht will, dass liebe Menschen in solche Situationen kommen, weil wir uns mögen. Weil sie mich mögen. Offen mögen.

But proud I stand of who I am

Ich war danach noch tagelang fertig mit den Nerven. Ich kann es nicht mal genau beschreiben. Diese ätzende und alles andere verzehrende Mischung aus Scham, Ekel und Abscheu vor dem, was frau als Mensch ist, aber nichts daran ändern kann.
Scham, Ekel und Abscheu gegen etwas, das frau ist, und nicht ändern will.
Scham, Ekel und Abscheu vor etwas, von dem ich genau weiß, dass es mich zu jemandem macht, der ich sonst nicht wäre.

Wahrscheinlich wäre mein ganzer Lebensweg ein anderer und ich jetzt, in logischer Konsequenz, auch. Ich bin gern, was ich bin. Wie ich bin.

Ich bin nicht gern “die andere”. Etwas besonderes sein will jeder. Anders sein will niemand. Besonders nicht allein einer Gruppe gegenüber. Das hat nicht nur etwas mit „anders sein“ zu tun; es macht, zumindest mir, bewusst, wie anders ich bin. Dass der größte Teil nicht so ist.

Ich habe das, was geschehen ist, nach ein paar Tagen in der Gruppe zur Diskussion gestellt. Einigen war die Situation auch unangenehm gewesen, andere hatten den Eindruck gehabt,  ich sei gut damit klar gekommen, weil ich Witze gemacht hatte.
Irgendwie muss ich dabei an Hannah Gadsbys Nanette denken. Wir machen Witze über Dinge und Situationen, die sonst für uns nicht zu ertragen sind. Das stimmt. Nur ist es so, dass wir viele Situationen trotz Humor nicht ertragen. Wir zeigen es nur nicht. Schmerz macht anders.

Brought to her knees she cried

Ich höre und lese oft davon, wie wenig Probleme Menschen mit der sexuellen Orientierung oder sexuellen Identität anderer haben. Wie sehr sie sie respektieren und akzeptieren. Das ist sicher nett gemeint und ich glaube, dass sie das in den meisten Fällen auch tatsächlich meinen. Das ist eine Frage des Bezugssystems, aus welcher Perspektive wir etwas betrachten. Es gibt die eine Seite, “die Normalen”, die keine Probleme mit den “Anderen” haben. Es gibt aber auch – und das, finde ich, wird oft vergessen- “die Anderen”, die durchaus Probleme mit “den Normalen” haben. Nicht weil “die Anderen” “die Normalen” nicht mögen oder ablehnen, sondern weil sie andere Erfahrungen machen mussten. Erfahren mussten, wie es ist oder sein kann, anders zu sein. Eine Erfahrung, die “die normalen” schon bedingt durch die Größe ihrer Gruppe nicht machen müssen.

Etwas zu akzeptieren und etwas zu verstehen sind zwei unterschiedliche Dinge. Wir können etwas eine Million mal zur Normalität erklären; das macht es aber weder wahrer, noch normaler. Ich glaube, es macht unsichtbarer.
Normal ist so eine Suppe. Die blubbert und kocht ein bisschen. Aus der Weite betrachtet lässt sich nicht wirklich viel erkennen. Die Facetten und Stückchen zeigen sich erst, wenn frau näher rangeht.
Lebenswege unterschiedlicher Menschen unterscheiden sich, und je mehr sich die Menschen unterscheiden, desto unterschiedlicher sind ihre Lebenswege. Was bei Fragen des Klassismus noch recht offensichtlich ist – das Kind eines Multimillionärs hat andere Möglichkeiten, als das einer Familie an der Armutsgrenze -, wird bei Fragen der sexuellen Orientierung ausgeblendet.

Es macht etwas mit den Menschen, in einer völlig heteronormativen Welt festzustellen, dass sie anders sind. Dass es wenig bis keine Rollenvorbilder für sie gibt. Dass das, was sie fühlen, wer sie sind und werden, in Medien lange Zeit nur in Nischen (oder im Porno) gezeigt wurde und auch heute noch für viele außerhalb des Internets so nicht existiert.

Ja, es gibt einen Unterschied zwischen heute und vor 20 Jahren. Das heißt aber auch, dass so wie es heute ist, nicht immer war und es heißt, dass unsere Kinder und Jugendlichen heute andere, vielleicht bessere, Möglichkeiten haben. Es heißt aber auch, dass viele nichtheterosexuelle Erwachsene zum Teil sehr lange Zeit diese Möglichkeiten nicht hatten. Dass viele von fehlenden Möglichkeiten – besonders von der fehlenden Möglichkeit, einen Platz zu finden und besetzen zu können- geprägt sind.

Ich bin ehrlich: Ich weiß nicht, ob es Jugendlichen heute in einer Situation, in der ich damals war, wirklich besser gehen würde. Ich habe daran starke Zweifel.

Normalität heißt nicht, dass wir uns einreden, alles wäre völlig gleichbedeutend, gleichberechtigt nebeneinander; es heißt, dass wir alle Platz schaffen und Raum lassen für Andersartigkeit. Denn wenn das Andere seinen Platz hat, verliert die Macht der Andersartigkeit an Bedeutung.

Auch wenn viele Äußerungen alles andere als verletzend gemeint sind, so ist vielen Menschen einfach nicht klar, aus welcher privilegierten Position heraus sie diese Äußerungen tätigen und wie sich diese Äußerungen auf andere, die diese Privilegien nicht haben, auswirken. Dass Privilegien nicht zu haben, nicht nur den Ist-Zustand beschreibt, sondern eine Geschichte prägt.

Das ist so ein Teilmengen-Ding: Egal, welche sexuelle Orientierung eine Frau hat oder lebt: Unterdrückung aufgrund unseres Geschlechts – und den ganzen Bullshit, der damit einhergeht- erfahren wir alle. Das kennen wir. Manche wollen es vielleicht nicht wahrhaben. Aber in einer heteronormativen Welt ist Heterosexualität ein Privileg.

Das Ding mit Privilegien ist, dass frau nicht merkt, wenn frau sie hat. Ein Privileg bemerkt frau erst, wenn andere es haben, frau selbst aber nicht.

Wie heterosexuelle Frauen mit ihrer Sexualität in all ihren Aspekten umgehen, wird kontinuierlich bewertet. Die Wahrnehmung der Sexualität queerer Frauen ist trotzdem noch eine andere. Hier treffen die Vorstellungen des Patriarchats und der Heteronormativität brutal aufeinander.
Heterosexuelle Frauen werden dafür bewertet wie oft, wie und mit wem sie Sex haben, jedoch nie für das Geschlecht der Personen, mit denen sie ihn haben. Die Legitimität, Bedeutsamkeit oder Natürlichkeit ihrer Sexualität (auch der sexuellen Praxis) wird dazu nie in Frage gestellt. Es ist nicht eklig, unnatürlich oder etwas, das sich andere nicht vorstellen können. Es ist fucking scheiß-normal. So normal, als gäbe es nichts anderes.

Gibt es aber.