High Heel Feminist, Wellington Rebel, Mary Jane Chuzpenik

I am my Hair.

I am my Hair.

Ich habe das, was man als schöne Haare bezeichnen würde. Lang, gepflegt, weiche Wellen. Ich stecke sie hoch, trage Bun in allen Variationen und bekomme sogar eine Zopfkrone hin.

Das war nicht immer so. Als Kind und Teenager trug ich die Haare kurz. Jungendfrisur nannten sie das. Später wechselte ich zwischen hellblondem Iro und halblangen dunklen Haaren. Hin und her. lange Haare kamen besser an. Komplimente und Anerkennung, für was auch immer genau war ich mir nicht sicher.

Meine langen Haare werden oft gelobt und bewundert. So schön. So lang. So dunkel. Passend zu jedem Outfit habe ich eine besondere Art, meine Haare zu tragen. Das i-Tüpfelchen.

Ich war das nicht. Für mich hing mit diesen, damals bis zu Taille langen Haaren ein unglaublicher Druck zusammen. Als trüge ich eine Maske oder ein mir viel zu enges Korsett. Das Gefühl, unter einem für mich enormen Energieaufwand aber trotzdem erfolgreich etwas, jemand zu sein, der ich nicht war. Der ich nicht bin.

Die Vorstellung dessen, was eine schöne Frau ist, ist fast untrennbar mit der Vorstellung langer, wallender, gesunder Haare verbunden.

Das ungeschriebene aber in uns manifestierte Regelwerk der Schönheit, wird uns schon sehr früh beigebracht. Wir sind klein. Alles absorbierende Schwämme. Nehmen auf und verfestigen die uns als einzige Normalität dargebotenen Gegebenheiten als unumstößlich. Nicht nur in Bezug auf außen, sondern auch in Bezug auf uns. Ganz innen.

Auch wenn sich mittlerweile einiges getan hat, so haben alle Disney-Schönheiten weiterhin eine Gemeinsamkeit. Und wenn, auch in Serien für Teens ein weiblicher* Charakter auftaucht, dann in den meisten Fällen mit langen Haaren.

Kurze Haare sind ein Alleinstellungsmerkmal. Entweder für ein wildes oder für einen lesbischen Charakter. Kinder sehen lange Haare überall an weiblichen Figuren. Mädchen haben daher lange Haare und Jungen sehen Mädchen mit langen Haaren. so formt sich Normalität.

Spieglein, Spieglein

Die misogyne Seite Return of King (Der Titel des Artikels lautet „girls with short hair are damaged“ – ich will das hier einfach nicht verlinken) hatte einen Artikel über Frauen mit kurzen Haaren. Der O- Ton war, dass diese Frauen  kaputt in der Birne, für Männer unattraktiv und als Partnerinnen untauglich sind. Ich weiß nicht, was für Männer attraktiv ist. Ich glaube auch nicht dass es dafür einen universellen, auf jeden (heterosexuellen) Mann zutreffende Antwort gibt. Der klassische und vorhersehbare Vergleich mit „echten Frauen“, die stolz und zufrieden mit ihrer Weiblichkeit sind, bleibt natürlich nicht aus. Woher wüssten Frauen sonst, wie sie zu sein haben, wenn es ihnen keiner sagt? Nachher sind sie noch so, wie sie das wollen. Ganz ohne Angst vor blöden Sprüchen, Beleidigungen oder Reduzierung. Aber ich weiß, dass ich diesen frauenfeindlichen Artikel mag. Er beschreibt besser, eindrucksvoller und direkter, worum es mir geht.

Es existiert keine evidenzbasierte Korrelation zwischen kurzen Haaren und Homosexualität, psychischen Erkrankungen, sexuellen Störungen oder Männerhass. Keine Panik.

Es geht ums Gefallen. Es geht darum, in das Bild eines oder mehrerer anderer Menschen zu passen. Dieser Erwartung passend zu sein. Nur anerkannt, respektiert und geliebt zu werden, wenn man gewisse (sehr oberflächliche und leicht zu verändernde) Parameter zu erfüllen, die Frau in einer Vielzahl der Fälle nicht einmal in der Hand hat.

Langes Haar ist untrennbar mit der Vorstellung von (heterosexueller) Weiblichkeit und all dem verbunden, was damit assoziiert wird. Attraktivität ist gerade für Frauen ein hartes Kapital. Attraktivität und “Fickbarkeit” wirken fast synonym. Wer gefällt hat Vorteile, wer nicht gefällt hat die nicht. Wer gefällt hat Nachteile, wer nicht gefällt hat diese auch. Was gefällt hängt sehr davon ab, was als normal wahrgenommen und gewünscht wird.

Wenn Weiblichkeit* so eng verflochten mit langen Haaren ist, was passiert wenn eine Frau darauf verzichten will oder muss?

Nimmt sich diese Frau selbst ein Teil ihrer (selbst ausgesuchten oder zugedachten) Weiblichkeit? Und warum tut sie das? Was ist unweiblich? Ist die geschlechtliche Identität binär? Boole’sche Logik für die eigene Identität? Was nicht weiblich ist, ist männlich? Nicht nicht weiblich ist weiblich? Und was wird mit dem Kapital der Attraktivität bei nicht genutztem weiblichen Potential? Verschenkt?

Schön hässlich

Das Thema der Haarlänge bei Frauen ist so aufgeladen mit Vorstellungen, Verunsicherungen und Ängsten, dass es mich kaum wundert, weshalb so wenige Frauen kurze Haare tragen. Keine „Frauenzeitschrift“ scheint ohne Tipps für gepflegtes, volles Haar auszukommen. Ein Nebenschauplatz neben „Übergewicht“, Zellulite und allem anderen was vermeintlich einen Makel darstellt, und damit für viele zu einem echten Problem wird.

Als ich mir vor einigen Jahren meine Taille-langen Haare radikal kürzen wollte, haben mich zwei Friseure abgewiesen. Weil die Haare so schön wären. Eine wirklich abstruse Situation. Ich hatte angeboten meine Willenserklärung schriftlich und vor Zeugen abzugeben. Für den Fall des Falles. Eine Kundin, die eine Dienstleistung sucht, diese aber nicht bekommt. Zu dieser Zeit machte ich mir die ersten Gedanken über mich, meine Haare und meine Weiblichkeit. Ich habe bis dahin nie so viel und intensiv auf einmal über einen so kleinen Teil meines Aussehens nachgedacht. Nach einiger Zeit war mir klar, dass ich das nicht sein wollte. Ich fühlte mich und das was ich für mich als meine Weiblichkeit (die ich sehr mag) empfinde, nicht von der Länge der Keratinfäden auf meinem Kopf abhängig. Es war irgendwann im Oktober und in der Stadt, in der ich damals studierte bitter kalt. Ich zog los. Kaufte mir ein paar Kappen und einen Rasierer.

Es dauerte ein paar Tage ehe ich neben dem Werkzeug auch den Mut hatte, das zu tun, was ich unbedingt wollte.

Ich habe mir den Kopf geschoren. Ich hatte Angst. Ich war unsicher. Ich konnte mein Herz schlagen hören. Ich hatte Angst. Angst vor etwas, das ich wirklich wollte. Seit Monaten. Als ich das tat, habe ich den Spiegel mit einer Tischdecke verhangen. Ich wollte nicht den Prozess sehen, der mich vielleicht gebremst hätte. Ich wollte nur das Resultat sehen.Mir gefiel das Resultat.
Mein kahler Kopf ließ mein Gesicht anders erscheinen. Härter und weicher zugleich. Auf jeden Fall verletzlich.

Mein Aussehen und meine potentielle Schönheit gehören mir. Ebenso meine vermeintliche Hässlichkeit. Ich schulde sie niemandem. Kurze Haare machen nicht lesbisch. Genauso wenig wie lange Haare hetero machen. (Die Frage wie es mit langhaarigen Männern in Abenteuern und Actionfilmen ist, bleibt zu klären).

Sich eine Freiheit zu nehmen, kann Angst machen.

Ich habe lange an diesem Artikel geschrieben. Mittlerweile sind meine Haare kurz. Ein weiß-blonder Pixie, um genau zu sein.
Mir wieder deutlich zu machen, dass mein Körper mir gehört und die Vorstellungen darüber, wie eine Frau auszusehen hat, zwar in mir, aber nicht meine eigenen sind, war befreiend.
Seit langer Zeit, sehe ich im Spiegel mich, wenn ich hinein sehe.