High Heel Feminist, Wellington Rebel, Mary Jane Chuzpenik

Ein Häppchen Gendertheorie

Ein Häppchen Gendertheorie

Immer wieder, mehr oder weniger gerne, lande ich in Diskussionen zum Thema Gender.
Doch was ist dieses “Gender” überhaupt?

Ich habe den Eindruck, dass ich mittlerweile so viel und so oft dasselbe darüber geschrieben habe, dass es ein Buch füllen könnte und dass es mittlerweile wohl einfacher wäre, einen Blogartikel darüber zu verfassen.

Wenn frau manchen Quellen glauben mag, ist es etwas zwischen dem Untergang des Abendlandes, Tod und Zerstörung, Abschaffung von Mann und Frau und der Frühsexualisierung von Kindern.

Kinder sind ein gutes Stichwort. Fange ich mal mit Kindern an.
Zuerst will ich aber zwei englische Begriffe in den Ring werfen: Sex und Gender. Nein, nicht diese Art von Sex. Zwar werden diese Begriffe umgangssprachlich oft synonym verwendet, sie haben im Diskurs jedoch eine sehr unterschiedliche Bedeutung. Nur worum geht es?

Wenn ein Kind geboren wird, definieren wir sein biologisches Geschlecht anhand seiner erkennbaren Genitalien. Hierfür verwenden wir den Begriff Sex.
Je nachdem, welches zugedachte Geschlecht dieses Kind hat, wird es anderen Einflüssen ausgesetzt, anders behandelt, andere Erfahrungen machen, die Welt anders wahrnehmen und anders in der Welt agieren. Dieses komplexe, im Laufe eines Lebens entstehende Gebilde fassen wir unter dem Begriff Gender zusammen.

“Sex” – Biologisches Geschlecht; “”Gender” – soziales Geschlecht

Sind noch alle am Leben? Gut.

Weiter geht’s.

Also konkret: ein kleiner Mensch mit Penis wird ein Junge. Ein kleiner Mensch mit Vulva wird ein Mädchen. Hier beginnt unser lebenslanger Weg in Sachen Gender.
Unser ganzes Leben lang bewegt sich unser Gender in drei Dimensionen: unserem Körper, unserer (selbst empfundenen) Identität und den Ausdrucksformen unseres Genders.

Gucken wir uns die drei einmal genauer an.

Der Körper

Unsere Gesellschaft denkt Geschlechter dichotom. Zwei schnittfreie Mengen. Weiblich und männlich. Die Basis hierfür bildet im Kern die reproduktive Funktion des jeweiligen Menschen, also die Genitalien, Chromosomen, Hormone etc.
Der Knackpunkt ist, dass dieses Konzept, diese Vorstellung der Realität der Biologie einfach nicht gerecht wird.

Zwar werden die meisten Menschen mit eindeutig identifizierbaren Genitalien geboren, jedoch nicht alle. Bei manchen ist es nicht eindeutig, wieder andere weisen zweierlei Geschlechtsmerkmale auf.
Was kurz Intersexualität genannt wird, zeigt, dass sich das Geschlecht auch biologisch in einem gewissen Spektrum bewegt.

Die Gendererfahrung eines Menschen geht aber weit über unsere reproduktive Funktion hinaus. Die Erwartungen an weibliche und männliche Körper sind geprägt von der Kultur, in der wir leben. Abhängig davon ob die erwarteten Attribute in Art und Ausprägung vorhanden sind oder nicht, machen wir andere Erfahrungen.
Abhängig davon, wie andere Menschen unseren Körper interpretieren, interagieren sie mit uns. Das gilt nicht nur für unser Geschlecht. Das gilt für jeden vorgeblich von der körperlichen Erscheinung ablesbaren Parameter wie Alter, Herkunft, sozialer Status etc.

Geschlechtsidentität (Identity)

Die Geschlechtsidentität, oder geschlechtliche Identität, beschreibt, wie ein Mensch sich selbst sieht. Hierbei geht es um die höchst persönliche und eigene Erfahrung und Empfindung von Gender. Dem “was bin ich”.
Das ist etwas, was nur der betreffende Mensch für sich definieren kann. Niemand sonst.

Die bekanntesten Genderidentitäten sind Frau und Mann. Weiblich und männlich. Diese sind aber nicht die einzigen Möglichkeiten. Gender oder Genderidentitäten sind nicht binär. Es gibt Menschen, die sich weder als Frau noch Mann identifizieren. Sie definieren sich dazwischen, als beides, keines davon etc.
Die Abstufungen sind so vielfältig, wie die Menschen selbst.

Für viele Menschen stimmt das biologische Geschlecht mit der empfundenen Genderidentität überein. Hierfür wird der Begriff cis gender oder einfach nur cis verwendet. So kann eine (biologische) Frau, die sich auch als solche fühlt als cis Frau bezeichnet werden.
Es gibt auch Menschen, die ihr biologisches Geschlecht nicht als zu ihrer Genderidentität passend empfinden. Das bezeichnet man als transgender oder einfach trans.

Gender ist nicht dasselbe wie die sexuelle Orientierung eines Menschen. Zwar wird in sehr vereinfachten, binären Modellen von Identität und Sexualität davon ausgegangen, dass Frau sein bedeutet, Männer zu begehren und Mann sein bedeutet, Frauen zu begehren, und dass es da nichts dazwischen gibt. Das ist zwar wieder sehr einfach, wird der Wirklichkeit aber keinesfalls gerecht. Egal wie oft es (zum Beispiel von einer Altherrenorganisation in Rom) behauptet wird.

So gibt es auch bei den sexuellen Orientierungen mehr als hetero, homo und dazwischen (vielleicht?) bi – auch an dieser Stelle findet sich also wieder ein Spektrum. Diesen Aspekt hier auszuführen, würde den Rahmen sprengen. Ich verspreche dass ich an einem Artikel dazu arbeite.

Die Genderidentität ist eine inhärente Eigenschaft eines Menschen, die sich nicht ausgesucht wird und die sich auch nicht ändern lässt.
Allein der Ausdruck unseres Genders ist eine hochkomplexe Angelegenheit und entsteht aus einem Zusammenspiel des Innenlebens und des äußeren Erlebens eines Menschen.

Gender-Ausdruck (gender expression)

Hierbei geht es darum, wie ein Mensch seine Genderidentität nach außen zeigt. Das umfasst jeden physischen Ausdruck. So zum Beispiel Kleidung, Frisur aber auch wie sich eine Person bewegt oder die Pronomen, die sie für sich verwendet.

Typische Beispiele für diesen Ausdruck sind feminin, maskulin oder androgyn.

Manche Menschen drücken ihre Identität immer auf dieselbe oder sehr ähnliche Art und Weise aus, bei anderen wiederum verändert es sich im Laufe ihres Lebens oder ist abhängig von verschiedenen Randparametern, wie zum Beispiel dem Umfeld in dem sie sich bewegen.
Der gewählte Ausdruck muss nicht identisch sein mit der Genderidentität oder dem biologischen Geschlecht.

Die gesellschaftlichen Vorstellungen bezüglich des Genderausdrucks variieren je nach Kultur und verändern sich auch innerhalb einer Kultur im Laufe der Zeit.

Die Vorstellung dessen, was Geschlecht ist und wie der Ausdruck des eigenen Geschlechts zu sein hat, sind in unserer Kultur sehr eng gefasst. Es wird davon ausgegangen, dass der gewählte Ausdruck einer Person, was sie trägt, wie sie spricht, sich bewegt etc. uns Auskunft darüber geben kann, wie es im Inneren dieser Person aussieht.
Für den gewählten Ausdruck einer Person kann es viele Gründe geben und Rückschlüsse sind nicht möglich.

Wo wir schon mal bei Rückschlüssen bezüglich des gewählten Ausdruck sind, gehen wir dem mal nach.

Sexuelle Orientierung

Die letzte wichtige Unterscheidung, die ich hier machen möchte, ist die sexuelle Orientierung eines Menschen. Wie schon erwähnt, glauben wir über den Ausdruck eines Menschen Rückschlüsse über ihn, inklusive seiner sexuellen Orientierung ziehen zu können. 
Zwar werden diese beiden Aspekte gerne in einen Topf geworfen, jedoch müssen sie nicht zwangsweise miteinander zu tun haben.

Der größte Unterschied zwischen diesen beiden Aspekten ist, dass Gender etwas Persönliches ist, während die sexuelle Orientierung interpersonell ist, also in Relation zu anderen Menschen definiert wird.

Diese beiden Eigenschaften zu vermischen, führt dazu, dass wir selbst bei kleinsten Abweichungen von unseren Erwartungen Schlüsse über die sexuelle Orientierung einer Person ziehen.
Da wir in einer heteronormativ geprägten Welt leben, nutzen wir eine solche Andersartigkeit um eine vermeintlich andere Andersartigkeit einer Person zu untermauern.

Photo by Kira auf der Heide on Unsplash

Und nun?

Bei „Gender“ handelt es sich also nicht einfach um eine neumodische wissenschaftliche Theorie, welche die Welt auf einmal Kopf stehen lässt, sondern um einen der wichtigsten und einflussreichsten Aspekte im Leben eines Menschen.

Geschlechtliche Normen werden von der Gesellschaft definiert und abhängig davon, wie weit oder eng diese Normen gefasst sind, können schon kleine Abweichung von diesen dazu führen, dass die nicht der Norm entsprechenden Menschen vor großen Herausforderungen und unter erheblichem Druck stehen.
Wenn wir es alle sind, die Geschlechterrollen denken und definieren, sind es auch wir, die sie umdenken können.
Wenn wir uns also diese Normen bewusst machen, uns von ihnen entfernen, holen wir Menschen aus ihren Schubladen und können ihre Einzigartigkeiten sehen und ihnen den Raum ermöglichen, der ihnen und uns allen zusteht.

Eine schöne visuelle Zusammenfassung hat Sam vom itspronouncedmetrosexual.com erstellt.