High Heel Feminist, Wellington Rebel, Mary Jane Chuzpenik

Ein dickes Problem

Ein dickes Problem

Ich hatte die letzten Tage viel mit „Body Positivity“ zu tun.
Ob auf Facebook, in Kontakt mit Freundinnen oder über Instagram.
Ein spannendes und emotionsgeladenes Thema.
Nicht mal unbedingt die Tatsache, dass ich den Eindruck habe, dass viele Instagram-Accounts zum Thema von weißen Frauen stammen, die dem gängigen Schönheitsideal eigentlich entsprechen, sondern viel mehr die Tatsache wie schnell und extrem die Diskussion sehr wertend und emotional wird.

Es ist fast wie eine Impfdiskussion in einer Müttergruppe. Du fragst dich nicht ob, sondern wie, wer und wann die Scheiße hochkocht. Dass sie kochen wird, steht völlig außer Zweifel.

Ich tue mich mit dem Thema zugegeben etwas schwer. Meine Figur ist normal, ich bin überdurchschnittlich groß. Meine Ästhetik entspricht nicht den heteronormativen Mainstream-Vorstellungen. Meine Kleidung mag für manche gewöhnungsbedürftig sein. Meine Haare sind kurz, blondiert und erinnern zuweilen an ein in Wasserstoffperoxid gebadetes Eulennest.
Ich bin nicht dick.

Ich weiß wie Reaktionen ausfallen, wenn das Aussehen nicht den „normalen“ Vorstellungen entspricht. Ich weiß wie die Reaktionen ausfallen, wenn frau sich bewusst dazu entscheidet, dem nicht entsprechen zu wollen. Oder es nicht kann.

Aber ich habe Angst dick zu sein.

Was hattet ihr vor eurem inneren Auge, als ich dick schrieb?
Ich hatte eine deutlich adipöse Frau vor Augen, aber das ist Augenwischerei. Das wissen wir alle. Für keine von uns fängt dick sein bei Adipositas II an.
Für viele von uns fängt dick bei Kleidergrößen ab 40 an. Das ist ein Bereich, der für einige eine Horrorvorstellung darzustellen scheint. Andere sind dick, wenn sie mehr als 60kg wiegen. Wieder andere, wenn ihr Mann die Hände auf die Hüften legt und meint, da wäre zu viel.

Es ist wie mit der Frage, ob frau Angst vor dem Tod habe. Es ist meist nicht der Tod, der Angst macht. Es ist das Sterben. Und es ist auch nicht das „dick“ sein welches Angst macht. Es ist das, was wir damit assoziieren. Es ist das, was wir an Konsequenzen des „dick“ seins befürchten.

Ich habe ein Problem mit „dick“, denn bei „dick“ geht es nicht um einen bestimmten Körperfettanteil, einen BMI oder eine Kleidergröße. Es geht um ein ganzes Narrativ.
Vielleicht liegt die Bedrohlichkeit der „dicken“ Frau darin, dass sie vermeintlich die Kontrolle verloren hat.
Die Kontrolle über ihr Essen, ihre Gewohnheiten und sich.
Die Kontrolle darüber, auszusehen, wie es dem erwünschten gesellschaftlichen Standard entspricht.
Die Kontrolle darüber auszusehen wie wir es wollen.
Die Angst davor, dass wir die Kontrolle verloren haben.

Dass es da welche gibt, die ausscheren. Die sich der -von uns allen geprägten- Norm und Vorstellung nicht fügen können oder wollen.
Die dann aber noch so sein wollen, wie sie sind. Die gesehen und akzeptiert werden wollen, so wie sie sind. Das ist wahre Rebellion.

Warum?
Weil wir, die wir doch eigentlich der Norm entsprechen, schon nicht in der Lage sind das zu tun.
Unseren Raum zu fordern. Akzeptanz fordern, anstatt an uns zu arbeiten, uns anzupassen um in eine Schablone zu passen, in die nur 5% der Frauen passen.
Für unseren Platz kämpfen anstatt uns immer kleiner, schmaler und dünner zu machen. Was meine ich?
Die dicke Frau stellt mit ihrem Anspruch an die Gesellschaft so akzeptiert zu werden, wie sie ist, viel an Lebensinhalt von Frauen in Frage, die seit frühester Kindheit darauf konditioniert wurden, ihre Körper und sich zu hassen, und sich ewig unzulänglich zu fühlen.

Die „dicke“ ist durch ihre pure Existenz Rebellion.
Männer nehmen sich Raum, Frauen haben den Platz, den Mann ihnen lässt.
Und dann ist da die „dicke“ Frau.
In einer Welt der kleinen Mädchen, denen beigebracht wird, nicht zu viel von etwas zu sein, denen beigebracht , nicht zu viel Raum einzunehmen, ist die „dicke“ Frau eine Symbolfigur.
Ihre bloße Erscheinung nimmt Raum ein. Ob sie will oder nicht. Sie ist zu groß um übersehen zu werden. Zu breit um sich klein machen zu können. Zu schwer um sie bei Seite zu schieben. Sie ist da.