High Heel Feminist, Wellington Rebel, Mary Jane Chuzpenik

Die Prinzessin und die Erbse

Die Prinzessin und die Erbse

Ich bin empfindlich. Da ich das schon mein ganzes Leben lang höre, habe ich gehofft diesbezüglich desensibilisiert zu sein.
Tja, wieder eines der Dinge, die nicht funktioniert haben. Die Liste wird länger und länger.

Ich bin empfindlich, wenn es um Witze geht, die ich nicht witzig, sondern diskriminierend finde.
Ich bin empfindlich, wenn es um Dinge geht, die “man ja wohl noch sagen darf“, von denen ich jedoch denke, “man” sollte einfach mal die Schnauze halten.
Ich bin empfindlich bei Dingen, die nicht so gemeint waren, die aber so gesagt wurden.

Kurzum: ich bin ein echtes Sensibelchen. Genauer betrachtet, bin ich so eine Art Prinzessin auf der Erbse. Nur ist es nicht die Erbse, die mich pikst.

Empfindlichkeit ist eine spannende Sache. Mehrere Seiten und so. Jedenfalls höre ich das oft. Auch mal die andere Seite sehen. Los geht`s.

Wenn Menschen, die noch nie von einer bestimmten Art der Diskriminierung betroffen waren (und es vielleicht nie sein werden), jemanden auf eine solche Art diskriminieren und darauf angesprochen werden, kann das für diese Menschen auf verschiedenen Ebenen verstörend und schockierend sein.
Die Bandbreite reicht von “Das wollte ich nicht”, “So war das nicht gemeint” bis “So schlimm ist das nicht”.
Ich nenne das gerne das Bermudadreieck aus Unwissenheit, Privilegien und einem Mangel an Einfühlungsvermögen, und ich latsche oft genug selber voll rein.
Und ja, darauf angesprochen pendeln sich meine Gefühle meist zwischen „extrem Unangenehm“ und „im Boden versinken wollen“ ein. Vieles verstehe ich auch nicht sofort und brauche eine Weile um es zu begreifen. Ich halte das für einen völlig normalen Lern- und Entwicklungsprozess und Prozesse können weh tun.

Das Ding ist, die wenigsten Menschen gehen durch die Welt und verfolgen die Absicht andere zu verletzen, rassistisch, homophob, ableistisch und so weiter zu sein. Das heißt aber nicht, dass es ihnen nicht auch passiert und es heißt nicht, dass sie es böse meinen, wenn es ihnen passiert.

Shit happens. Es ist wirklich wie mit Kacke am Schuh -wer es kennt wird in den meisten Fällen versuchen, es das nächste mal zu vermeiden. Niemand will Kacke am Schuh.

Aber mir geht es um Reaktionen auf dieses Verhalten. Und diese können ganz unterschiedlich aussehen. Oft passiert es, in die Defensive zu gehen. Die Ursache für das eigene (Fehl-)Verhalten bei der anderen zu suchen. Das Problem an diesem Mechanismus, ist nicht nur, dass dies einen gewissen Mangel an Respekt der anderen Person gegenüber zeigt, sondern ist der Versuch, die Verantwortung für das eigene Handeln der anderen Person zuzuschieben.
Ich glaube nicht an völlige Freiheit aber einen gewissen Teil unserer Handlungen haben wir selbst im Griff und dieser liegt in unserer Verantwortung.

Wie wir mit dem Hinweis auf unser eigenes, diskriminierendes Verhalten umgehen, ist so eine Art Kontrapunkt zwischen uns und dem Ziel unseres diskriminierenden Verhaltens. Es entscheidet darüber ob wir die andere sehen und in Beziehung gehen oder eben nicht.

Inklusive und nicht diskriminierende Sprache ist ein gutes Beispiel für eben diesen Reflex.
Wenn die Bitte zu gendern und alle einzubeziehen mit dem Argument endet, dass es “immer so war”, dass “unsere Sprache kaputt gemacht wird” oder dass “ich das nicht brauche”, dann sagen wir denen, die wir mit unseren Handlungen unterdrücken und Raum nehmen, den wir uns selbst aber zugestehen, nichts anderes als “Haltet eure Fresse”.
Es ist die Forderung danach, dass die Unterdrückten, nicht genannten und mitgemeinten die diskriminierenden Ausdrucks- und Verhaltensweisen doch zu akzeptieren haben. Anstatt sich dagegen zu Wehr zu setzen und den Raum für sich zu fordern, den andere wie von Gott gegeben besetzen und nicht teilen wollen, einfach die Schnauze zu halten haben.

Spannend, und das habe ich schon sehr früh von meinem Vater gelernt, gibt es immer nur eine zu empfindliche Seite. Das ist die, die “es nicht gut sein lassen” will. Die, die den Status Quo nicht akzeptieren will.

Ich bin oft “empfindlich” oder “zu empfindlich”. Und mir ist diese Bezeichnung mittlerweile scheißegal. Ich habe festgestellt, dass ich ziemlich genau dann “zu empfindlich” bin, wenn ich mich weigere problematisches Verhalten zu schlucken und zu tun, als wäre alles eitel Sonnenschein und Käsekuchen. Als wäre nicht gemeint was gesagt würde und respektlose Worte und Handlungen marginalisierten Gruppen gegenüber von keinerlei Bedeutung wären.

Und so wird die Prinzessin zu Erbse, oder ist beides gleichzeitig.