High Heel Feminist, Wellington Rebel, Mary Jane Chuzpenik

Die online Feminazis

Die online Feminazis

“Es geht doch nur darum, dass Frauen immer die Opfer sind.”

Diesen Satz habe ich, so oder so ähnlich, die letzten Tage öfter gelesen.

Wenn wir uns die Aussage genauer ansehen, geht es darum, dass sich Frauen als “Opfer” von Objektifizierung, (sexueller) Belästigung, der gläsernen Decke und so weiter fühlen, weil sie online ständig von Feministinnen, ihren Aussagen und Aktivitäten in diese Ecke gestellt und dadurch in eben diese Position gebracht werden.
Würde diese Gruppe von Frauen aufhören “Schreckensmeldungen” zu teilen und “bedauerliche Einzelfälle” als Einzelfälle stehen lassen, statt sie zu einem strukturellen und gesamtgesellschaftlichen Problem zu erklären, hätten es viele Frauen leichter.

Das spannende und gleichzeitig ekelhafte an dieser Argumentation ist, dass es das wirkliche und anhand empirischer Daten nachprüfbare Problem verleugnet, und zu etwas erklärt, was bei “normalen” Frauen erst dadurch im Kopf entsteht, dass sie sich mit den Ansichten und Ergüssen von Feministinnen im Internet auseinandersetzten oder diesen Gedanken überhaupt nur ausgesetzt werden.

Wir sollten aufhören zu lesen, dass ein völlig zugedröhnter Dude an einem Bahnhof, von zig Passanten beobachtet auf eine junge Frau einschlägt. Passanten, die erst handeln, wenn es darum geht  sie davon abzuhalten sich gegen ihn zu Wehr zu setzten und sich anschließend weigern,  als Zeugen zur Verfügung zu stellen.
Aufhören zu lesen, dass ein Unternehmen, das Paketboten zum schreien bringt, eine Frauenquote von 0 (NULL) %! im Vorstand anstrebt, obwohl mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der Löwenanteil des Umsatzes mit und durch Frauen generiert wird.
Wir sollten aufhören zu lesen, dass sich eine Überlebende einer Vergewaltigung im Gerichtssaal das Video der Tat ansehen muss. Vor den Vertretern der Justiz und vor allen Beobachtern des Prozesses.

Wenn wir uns das ansehen, wie können wir alle da nicht wütend werden?
Wie kann diese Wut und dieser Ärger zu etwas erklärt werden, dass erst durch feministische Kommentare entsteht und nicht durch Ungleichheit und der daraus resultierenden Ungerechtigkeit?
Oder besser:
Was daran kann nicht wütend machen? Was daran kann gleichgültig und normal sein und wenn es das ist, was sagt diese Normalität über unsere Gesellschaft aus?

Wahrscheinlich ist es einfacher, vieles was geschieht als Hirngespinste oder Hysterien von (online) Feministinnen abzustempeln als es zu sehen, wie es ist.

Dass eine von drei Frauen sexuelle Gewalt erlebt.
Dass eine von vier Frauen Gewalt von ihrem Partner angetan wird.
Das 2016 fast jeden Tag eine Frau durch die Hand ihres (vormaligen) Partners zu Tode gekommen ist.

Dass Frauen ,egal welches Potential sie haben, wie begabt und motiviert sie sind, immer mit den Einschränkungen leben müssen, die ihnen gemacht werden, eben weil sie Frauen sind, und zwar nur und ausschließlich aus diesem Grund.

Vielleicht wollen manche nicht sehen, was sie aus ihrer Passivität reißen müsste.
Und wie normal es ist, Körper von Frauen bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu werten und dadurch jemanden zu  etwas zu machen.

Für viele mag es einfach sein zu sagen, dass das was wir erleben, etwas ist, dass sich in unserem Kopf abspielt. Um uns an uns und unserem erlebten Zweifeln zu lassen. Weil es nicht so gemeint war. Weil es nicht so schlimm war. Weil wir auch die andere Seite verstehen müssen. Weil es so viele Gründe gibt, warum es nicht so sein kann, wie wir sagen.

Weil es einfach nicht so sein darf, wie wir sagen. Weil wenn wir recht hätten, es sich nicht mehr leugnen ließe, dass wir alle – ohne Ausnahme – mindestens ein, eher mehrere oft eng miteinander verwobene Probleme haben.

Ich fühle mich nicht zum Opfer gemacht, wenn ich lese, wie viele Frauen in Armut leben, was Frauen an Gewalt erleben und wie wenig dem entgegensteht. Ich fühle und sehe mich und alle Frauen als Opfer von Strukturen und Hierarchien, die erlauben und zulassen, dass es uns so ergeht.

Ich mache keine Frau zum Opfer, wenn ich darüber schreibe und darum streite, dass wir alle gleich berechtigt sein müssen, um unsere Gleichwürdigkeit Leben zu können. Ich versuche Frauen aus einer Ecke zu holen, in der ihnen erzählt wird, dass nur sie und ausschließlich sie für alles verantwortlich sind, was ihnen passiert, worunter sie leiden und woran sie scheitern.
Dass sie nicht genug sind. Dass sie erreichen könnten, was sie wollten, wenn sie nur… Ja wenn sie nur…

Es ist wie mit einem verpissten, verkotzenen und verschissenen Bahnhofsklo. Nur weil wir uns einreden, die Hütte würde nicht stinken, ist sie eben noch lange nicht sauber.