High Heel Feminist, Wellington Rebel, Mary Jane Chuzpenik

Der Platz bei der schönsten Frau im Café

Der Platz bei der schönsten Frau im Café

Es gibt eine Geschichte, die ich immer wieder gerne erzähle, wenn es darum geht, wie Frauen sich selbst wahrnehmen und wie andere es tun.

Ich kam von einer Party, der Wein war nicht unbedingt gut, aber er war frei. Ich hatte zwei Weinschorlen.
Da ich am nächsten Morgen früh ein Seminar hatte, wollte ich nicht zu lange bleiben und habe die Party rechtzeitig verlassen.
Mein Weg nach Hause führte mich an einem kleinen Café mitten in der Stadt vorbei. Eines dieser Eckcafés, von den großen Ketten, die durch ihre voll verglasten Scheiben immer Einblick ins Lokal und was sich darin abspielt gewähren.
Wie ich so daran vorbeihuschte, fällt mein Blick auf ein bekanntes Gesicht.

Wir kannten uns aus einem Sprachkurs. Haben uns währenddessen oft zum Mittagessen oder auf einen Kaffee getroffen. Ich mochte sie. Sie war klug, charmant und hatte den trockensten Humor, der mir bis dahin begegnet war. Ich glaube, ich habe sie nie ohne ein Buch vor ihr oder in ihrer Tasche erlebt. Sie hatte etwas. Sie war eine, die mir sofort gefallen hat. Soweit ich das damals beurteilen konnte, beruhte das auf Gegenseitigkeit. Unser flirten hatte eine Herzlichkeit und eine Leichtigkeit, die mir sehr gefiel.

Da saß sie also. An meinem Lieblingsplatz in diesem Café. Eine vierer Sitzecke mit zwei Sofas und einem Tisch. Allein. Die große, beige Tasche neben sich, den grünen Mantel und das dunkelmagentane Tuch über die Lehne. Vertieft in ein Buch.
Sie hatte mich.
Hätte ich meine letzten Stunden nicht mit nicht besonders gutem Merlot verbracht, wäre ich einfach einen kurzen Moment stehen geblieben und hätte das Bild genossen, ehe ich weiter gehe und meinen Seminarbeitrag für den nächsten Morgen durchgehe.

Aber da war der Merlot.
Ich habe also all meinen, vom Wein getragenen Mut zusammen genommen und bin rein. Zu ihr in die Ecke. Sie freute sich, mich zu sehen, bat mich Platz zu nehmen, erzählte mir, sie hätte Lust gehabt im Café zu sitzen und zu lesen. Sie würde die Stimmung mögen. Sie war gut drauf. Sie lächelte, ihre Gestik und Mimik war so offen und herzlich wie immer. Wie ich sie kannte.
Dann fragte sie mich, was ich hier machen würde.
Ich erzählte ihr von der kleinen Runde, dem Merlot und dass ich sie sah.
Ich sagte ihr, dass ich nicht widerstehen konnte, ins Café zu kommen, nachdem ich gesehen hatte, dass der Platz bei der schönsten Frau im Café noch frei wäre.

Dann wurde alles anders.
Sie griff nach ihrem (in meinen Erinnerungen) gigantischen Erdbeer Frappuccino mit Sahne und Erdbeersoße, nahm den Deckel ab und kippte ihn mir über den Kopf. Das ganze Ding.
Ich weiß nicht mehr, was mich härter traf. Der Schock darüber, was gerade passierte, oder die halbgefrorene Masse, die sich ihren Weg meinen Rücken und zwischen meinen Brüsten hindurchbahnte.
Sie packte ihre Sachen -schneller als ich begriff was gerade passierte- zusammen und rannte aus dem Café.
Ich saß da. Von oben bis unten voll von Eiskalter, klebriger rosa Erdbeerpampe.
Seinen Worten nach war der Typ an der Bar mindestens genau so angepisst wie ich.
Taktischer Rückzug.
Mein Walk of shame dauerte knapp 20 Minuten.

Ich habe mir den Kopf darüber zerbrochen, was ich falsch gemacht habe. Ob und wo ich zu weit ging. Ob ich ihr Verhalten falsch gedeutet hatte.
Ich hätte gerne mit ihr gesprochen. Mich für mein Verhalten – das ich wirklich bereute – entschuldigt. Ich wusste nicht, was war, was ich nicht gesehen habe, aber ich habe wohl ganz eindeutig eine Linie überschritten.
Ich merkte, wie sie mir an der Uni aus dem Weg ging, Orte, an denen ich mich aufhielt zu meiden schien und ging, wenn sie mich kommen sah.

Die Zeit verging. Ich verließ die Uni. Das Leben ging weiter.

Zu Besuch in der Stadt meiner Alma Mater, sah ich sie wieder. Purer Zufall. An einer Ampel nur einen Steinwurf entfernt von dem schicksalhaften Café.
Sie erkannte mich, lächelte mich an und umarmte mich zu Begrüßung.
Ich verstand die Welt nicht mehr. Sie erzählte, dass sie zu Besuch hier ist. Fragte mich, wie es mir so ginge. Ich sagte ihr, dass es mir leid tut, was ich getan habe. Dass ich ihr nie zu nahe treten, Grenzen überschreiten oder ihr weh tun wollte. Und das war und ist die volle Wahrheit.

Wir trafen uns wieder. Ein paar Tage später. Sie wollte reden. Ich musste hören.

Anderes Café. Sie redete. Ich hörte zu. Ich befürchtete sehr lange Zeit, unser Flirten falsch verstanden zu haben. Sie falsch verstanden und mich geirrt zu haben.
Sie erzählte mir von ihrer Ehefrau, davon dass ich nicht falsch lag. Davon, dass auch sie mich mochte.
Und wir sprachen über ein Café mitten in der Stadt, einem kalten Frappucino mit Erdbeeren und Worten, die nett gemeint waren und uns für Jahre trennten.

Sie fühlte sich verarscht von mir. Sie dachte, ich würde mich lustig machen. Über sie. Über ihr Aussehen.
Was ich sagte, war mein Ernst. Denn das war sie. Die schönste Frau im Café. Wenn ich heute an diesen Abend zurückdenke, wird sie immer das für mich sein.

Was sie für mich war, war sie für sich nicht. Sie fand sich zu dick. Unförmig. Ein aufgequollenes, immer zu rotes Gesicht mit einer hässlichen Brille und Locken, die einfach zu nichts taugen. Klamotten die ihr einfach nicht stehen und sie noch unförmiger machen.
Sie saß in diesem Café, nachdem sie an diesem Tag mit ihrer Mutter shoppen war. Die ihr sagte, dass ein bisschen Sport helfen würde, sie doch eigentlich ein so nettes Gesicht hätte.

Manchen Augen ist es egal, ob die Klamotten sitzen wie im Modemagazin, die Haare aussehen wie in der Werbung oder die Figur wie von Photoshop geformt aussieht. Manche Augen sehen alles und nichts. Sie sehen nicht aus einer Perspektive der Kritik und dem Wunsch nach Optimierung. Sie sehen aus der Perspektive der Zuneigung, der Verbundenheit und der Akzeptanz.

Und so saß ich wieder gegenüber der schönsten Frau im Café. Diesmal ohne Erdbeershake auf mir.