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Das Haar in der Suppe

Das Haar in der Suppe

Das Leben könnte so einfach sein. Da postet die Social-Media-Abteilung von Rossmann am 8. Januar das Rezept für eine Linsensuppe. Könnte – weil sie dieses scheinbar doch recht leckere und vegane Gericht mit dem Opener “ Iss‘ ne Suppe, Puppe! 🍲“ versehen.

Im Bearbeitungsverlauf kann der Originalpost gesehen werden.

Nicht die cleverste Marketingmethode. Vor allem und gerade weil Rossmann wohl Frauen damit ansprechen will.
Wurde schon ein Mann mit „Puppe“ angesprochen? Wurde ihm gesagt, er solle dieses nette Kompliment zu schätzen wissen? Fragen über Fragen. Wir können uns nicht erinnern.
Aber weiter mit dem schönen Leben.
Wie zu erwarten war, stören sich einige Frauen an dieser Bezeichnung. Was auch nicht sooo verwunderlich ist.

Da sich einige mit der Definition von „Puppe“ doch überraschend schwer zu tun scheinen, hier mal ein Auszug aus der Definition von Wikipedia.

Eine Puppe (von latein pupa, „kleines Mädchen“) ist eine figürliche Nachbildung eines Menschen oder menschenähnlichen Wesens. Puppen gehören zu den ältesten und häufigsten Spielzeugen (auch Gebrauchsgegenständen), sind aber auch als Sammelobjekt und Souvenir beliebt, vor allem Künstlerpuppen.

Quelle: Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Puppe Ja ich weiß Wiki. Aber hierfür tut’s.

Wer würde sich nicht freuen als Spielzeug, Nachbildung eines Menschen oder generell als Objekt bezeichnet oder betrachtet zu werden?
Ist doch ein nettes Kompliment. Sollen sich freuen die Weiber! Ich spare mir hier weitere Ergüsse darüber, dass es kein Kompliment – also ein Zeichen von Wertschätzung – ist, einen Menschen mit dem Namen eines gewöhnlichen Objekts zu bezeichnen und ihn damit auf dieselbe Stufe zu stellen. Große Überraschung: nicht nur manche sondern ausnahmslos alle Frauen sind Subjekte. Sie sind jemand. Nicht etwas.

Es dauert auch nicht lange, da melden sich Frauen zu Wort, die entweder zu selbstbewusst oder zu sehr mit anderen Problemen beschäftigt sind, um sich daran zu stören. Kennen wir.
Bitte mal hier lang: Sind wir nicht alle ein bisschen Loch.

Es ist einfach und verführerisch, sich als Frau einzureden, dass wenn Männer oder andere Frauen so über Frauen sprechen, nicht einen selbst meinen. Man selbst ist anders. Nicht so ein Loch eine Puppe (Spielzeug). Nicht so schwach, nicht auf diese wertlose Art weiblich. Frau selbst verfügt ja über Qualitäten und ist mit „denen“ nicht zu vergleichen. Aber egal wie sehr ihr Männern nach dem Mund redet, euch anpasst, ihnen gefallen oder ihnen gleichen wollt, mitgeht in ihrer Verachtung für alles „Weibliche“, nichts davon wird dazu führen, dass ihr zum peer werdet. Dass euch erspart bleibt, wogegen „die Emanzen“ da kämpfen und sich so anstellen. Am Ende das Tages seid ihr ein Loch eine Puppe, ein Spielzeug, und es werden sich Frauen finden, die glauben anders zu sein als ihr. Nicht auf diese verachtenswerte Art „weiblich“, die genauso über euch denken, wie ihr über die anderen. Die dann wieder sagen, ihr sollt euch nicht so anstellen.

Quelle: dielemmata.de/sind-wir-nicht-alle-ein-bisschen-loch/

Nächster Aufzug: Reaktion Rossman. Der sexistische Kommentar mit der Puppe verschwindet und es bleibt das Rezept einer leckeren Linsensuppe. So einfach könnte das Leben sein. Soweit die Theorie.

Einschicht von Rossmann

Jetzt folgt das Finale. Wir erinnern uns, verschiedene Frauen störten sich an der sexistische Bezeichnung und Rossmann sieht ein und lenkt ein. Soweit alles cheesy.
Auftritt wütende Männer: Jetzt legt eine Gruppe von Männern richtig los. Also nicht nur so ein bisschen auf Frauen, Veganerinnen, Gender und all den Kram schimpfen – kommt ja immer gut – sondern so richtig richtig.

Es werden Profile von Frauen auf Fotos durchsucht und diese dann hinsichtlich ihres Aussehens und ihrer „was das für eine ist“ diskutiert. Die These dass viele dieser Frauen mit ihrem Charakter verhüten oder zu wenig „Spaß“ im Leben haben keimt an mehreren Stellen auf.
Kommentare und Aussagen, die laut dieser Truppe nichts, aber auch gar nichts mit Sexismus zu tun haben, und warum stören sich die Frauen denn eigentlich da dran?
Puppe, lächel doch mal!

Die Handmaidens des Patriarchats begleiten die Gesänge. Sie schimpfen über hoch qualifizierte Männer, die Jobs nicht bekommen, weil diese wegen der Frauenquote an (natürlich) völlig unterqualifizierte Frauen gehen. Über Emanzen, die an ihrem Ego arbeiten müssen. Erklären wie viel mehr Spaß am Leben Frau hat, wenn Frau nicht immer alles so ernst nimmt und sich über Komplimente freut.

Die Diskussion bei Rossmann übertrifft in Sachen Widerlichkeit, offenem Sexismus, Misogynie und vor allem Aggressivität die damalige Diskussion bei Lidl meiner Meinung nach um Längen.
Wurden den kritischen Diskussionsteilnehmerinnen damaas bei Lidl zwar auch mit härteren Bandagen begegnet, so blieben die Auseinandersetzungen doch weitgehend beim Thema. Die Dymanik, die sich bei Rossmann entwickelte, ist jedoch eine viel aggressivere.

Offenbar scheint einige Männer in dieser „Diskussion“ (ich verwende das Wort obwohl ich das, was dort stattfindet eigentlich nicht so nennen will. „Schlammschlacht“ passt besser) die Bekanntheit einer der Teilnehmerinnen zu befeuern. Die Frau ist keine Unbekannte. Inge Bell, unter anderem ehemalige Reporterin für die ARD und zweite Vorstandsfrau von Terre des Femmes. Jedenfalls scheinen ein paar der Männer aus dem Posting von Rossmann so getriggert, dass sie die Diskussion auf der Facebook-Seite von Inge Bell selbst, gleich weiterführen.

Auf ins Untergeschoss. Diese „Diskussion“ wurde zwar davor schon nicht besonders respektvoll geführt (Der Preis für den Euphemismus des Jahres 2020 geht hiermit an mich) aber es geht noch schlimmer. Was zwar nicht überrascht, aber in seiner Ungeniertheit und Direktheit auch fasziniert.

Wer sich fragt, warum Frauen oft nichts sagen, auch im virtuellen Raum nicht, dem sei die Diskussion bei Rossmann ans Herz gelegt. Was einige der Teilenehmerinnen dort über sich lesen mussten, weil sie nicht von der Social-Media-Abteilung eines Unternehmens, zu dem keine direkte emotionale Verbindung besteht „Puppe“ nennen lassen wollen und das dadurch gezeichnete Frauenbild ablehnen, geht über die grenzen des im Alltag erträglichen hinaus.

Die schwache Reaktion von der oben genannten Social-Media-Abteilung sieht im übrigen so aus:

Wirklich zeitnah wurde das nicht umgesetzt.

Rossmann… es hätte so schön werden können. Ihr hättet moderieren können und ein wirkliches, ehrliches Zeichen setzen können, dass Sexismus und Frauenfeindlichkeit bei euch keinen Raum bekommen. Diese Möglichkeit habt ihr verpasst.
Ihr habt euch eine Suppe eingebrockt, die ihr nicht auslöffelt.
Einen blöden Spruch auf Kosten von Frauen gemacht, den diese nun durch Häme, Spott, Beleidigungen und Angriffe bezahlen.
Zwar habt ihr damit unfreiwillig bewiesen, wie wenig harmlos die Typen sind, die solche Sprüche witzig finden und für ein Kompliment halten, das hätte aber nicht auf dem Rücken von Frauen passieren müssen und dürfen.

Anmerkung: Der offene Brief von Inge Bell an die Geschäftsführung findet sich hier (auf Facebook).