High Heel Feminist, Wellington Rebel, Mary Jane Chuzpenik

Coming out – Letting in

Coming out – Letting in

Das ist der erste Teil meiner “Coming out” Reihe. Ich fange gleich bei “dem Gespräch“ an.
Es ist ein Gespräch, dass jeder LGBT+ Mensch im Laufe seines Lebens auf die eine oder andere Art mehr oder weniger oft führen muss.
Besonders sind das erste Outing und das Outing gegenüber den Eltern, der Familie und engen Freunden.

Coming out und Outing sind zwei Begriffe, von denen zwar jede zu wissen meint, worum, es geht, worüber sich die meisten Menschen jedoch nie Gedanken machen mussten.

Der Begriff “coming out” ist eine Kurzform der Aussage “coming out of the closet” was soviel wie “aus dem Schrank kommen”. Es steht sinnbildlich dafür, das bei Kindern so beliebte Versteck, den Schrank zu verlassen und aus der eigenen Heimlichtuerei herauszukommen.

Den Begriff kennt heute jede. Die Vorstellung ist klar. Familie beim sonntäglichen Kaffee und Kuchen bei Oma und plötzlich sagt eine*r “Ich bin lesbisch/schwul/bi/trans/…”
Das sind so die klassischen Gags der Neunziger, als das Thema medial an Interesse gewann und sicher so noch in vielen Köpfen lebt.

Unter einem Coming out wird aber nicht (nur) der Moment gemeint, in dem sich jemand outet, sondern es meint einen ganzen Prozess. In diesem oft als inneren coming out genannten Prozess wird sich die Person ihrer sexuellen Orientierung oder Identität bewusst.
Beim sogenannten äußeren coming out, geht es dann darum sich dem Umfeld zu offenbaren.

Ich tue mich schwer mit den Begriffen “coming out” und finde die Bezeichnung “Going public” schöner.
Die Bezeichnung zeigt eine interessante und wichtige Trennlinie. Ein äußeres “coming out” einer oder wenigen Personen gegenüber, holt niemanden aus dem Schrank.
Die ersten äußeren “coming outs”, würde ich eher als “letting ins” bezeichnen. Die Person ist nicht für alle im Raum sichtbar aus dem Schrank gekommen, aber sie lässt einzelne, ausgewählte Menschen zu sich hinein in den Schrank.
Rein ins eigene Empfinden und allem was dazu gehört.

Coming out oder letting in?

Es ist die Mitteilung über etwas, das für diese Menschen wichtig ist. Etwas, von dem es ihnen wichtig ist, dass ihr es wisst. Etwas, bei dem für diese Menschen von eurer Reaktion viel abhängt.

Manches wird erst real, wenn wir es aussprechen. Wenn es aus unserem Kopf und unserem Herzen in den Kopf und das Herz anderer Menschen getragen wird. Gedanken und Gefühle bekommen Raum und Gestalt dadurch, dass wir sie aussprechen.
Das sind Momente, in denen Gedanken und Gefühle irgendwie realer werden und nicht nur Einfluss auf uns, sondern auf die Menschen um uns nehmen.

Tun und Lassen

Tun

Hör zu

Wenn es dann so weit ist, lass die Person aussprechen. Lass sie sagen, was sie sagen will. Sei einfach da. Biete Beziehung und Verbindung an. Das kann hart werden. Für euch beide. Du willst helfen. Nur greif nicht vor.
Unterbrechungen und Aussagen darüber, dass es dir schon lange klar war, helfen hier nicht.
Du hörst zu. Bis alles gesagt ist.

Es ist nicht deine Angelegenheit.

Es geht dabei nicht um dich. Der Prozess in dem sich der Mensch, der sich dir anvertraut, hat nichts mit dir zu tun. Wenn dieser Mensch den Mut gefunden hat sich dir zu öffnen, geht es auch dabei rein um diesen Menschen und seine Empfindungen.
Das coming out dir gegenüber ist kein nach deiner Meinung oder nach deiner Erlaubnis fragen.

Nichts hat sich geändert

Lass die Person wissen, das sich nichts an eurer Beziehung geändert hat. Auch wenn es für dich vielleicht nicht überraschend oder eine große Sache ist, so ist es das wahrscheinlich für die andere Person. Sexuelle Orientierung ist für viele mehr als die Frage, wer wen begehrt, es ist ein (wichtiger) Teil Identität…

Gib dir Zeit

Vielleicht geht dir viel durch den Kopf und du musst auch nicht sofort mit allem klar sein. Falls das überhaupt geht. Die Person hat vermutlich eine weile gebraucht, um sich über ihre Identität klarzuwerden. Vielleicht hat sie sie selbst für sich noch nicht richtig akzeptiert. Das ist ein Prozess, der ein ganzes Leben lang dauern kann. Ein Prozess, von dem du nun auch ein Teil bist. Vielleicht hat sich vieles und nichts gleichzeitig verändert. Nimm dir die Zeit die du brauchst um zu verstehen und klarzukommen. Vielleicht hast du Fragen und Ängste. Du bist damit nicht allein.

Lassen

Erzähle es nicht ungefragt weiter.

Erzähle es anderen nur, wenn es dir explizit erlaubt oder du darum gebeten wurdest. Sonst nicht. Nie. Niemandem. Egal für wie wichtig du es hältst und egal wie gut du meinst, dass es von anderen aufgenommen wird. Nie. Einfach Nie.
Es liegt nicht an dir zu entscheiden, wer eine derart persönliche Sache über die andere Person weiß. Es geht nicht um dich.

Nicht du gibst das Tempo vor

Vielleicht ahnst du schon eine Weile, was in der Person vor sich geht.
Vielleicht hattest du nie Zweifel daran. Das kann sein und ich glaube, das ist nicht mal so selten. Du hast vielleicht eine mehr oder weniger lange Weile beobachtet und auf diesen Moment gewartet, also bitte ich dich darum, noch ein wenig länger zu warten.
Auch wenn du bereit bist es zu hören, heißt es nicht, dass die andere Person schon bereit ist, es zu sagen.

Stell nicht infrage was dir erzählt wurde.

Es liegt nicht an dir zu beurteilen, ob die Person wirklich LGBT+ und wie LGBT+ ist. Es ist nicht nur nicht ungewöhnlich, sondern völlig normal, dass Menschen in ihrer gelebten sexuellen Orientierung nicht statisch sind. Das heißt z. B. dass es auch nicht ungewöhnlich ist, wenn Menschen eine Zeit lang völlig cis/hetero leben, ehe der Prozess des coming outs für sie beginnt. Sätze wie „Vielleicht is es eine Phase“ oder „Warte bis die/der richtige kommt…“ sind gerade in solchen Situationen verletzend und sicher nichts, was eine nicht queere Person jemals hören würde.

Keine Angst

Vieles, was Menschen die sich dem LGBT+ Spektrum zuordnen, ist für Menschen, die das nicht tun gänzlich unbekannt oder fremd. Es ist völlig verständlich, wenn du Angst um eine dir liebe Person hast. Nur dieser Moment, diese Phase ist nicht der richtige Zeitpunkt dafür, Befürchtungen bezüglich der Familie oder dem Freundeskreis zu besprechen oder LGBT+ Probleme weltweit zu diskutieren. Wir haben alle Angst und sind besorgt über viele Entwicklungen, aber das ändert nichts daran, wer und wie wir sind.
Die Person, die sich dir gegenüber outet, wird schon hundert Szenarien in ihrem Kopf durchgespielt haben, wie du und andere darauf reagieren werden. Und es wird nicht einfach gewesen sein.

Es ist keine Einladung

Wenn sich jemand dir gegenüber outet, ist das keine Einladung. Es bedeutet nicht, dass die Person auf dich steht, sexuelles Interesse an dir hat, von dir angefasst werden will oder sich dir auf irgendeine weise zu Verfügung stellt.

Nichts Besonderes mehr

Auch wenn du der Meinung bist, dass LGBT zu sein heute nichts Besonderes ist, ist es dass doch. In den verschiedensten Lebensbereichen und auch im Alltag ist es anders “anders” zu sein. Eine Aussage, dass LGBT sein nichts besonderes ist, relativiert die Wahrnehmung und Empfindung der Person, die sich dir gegenüber offenbart. Als wäre die Mitteilung nichts besonderes. Ist es aber. Und wenn es nur für dein gegenüber so ist. Gerade als cis/hetero Mensch ist es besser sich mit solchen Äußerungen zurückzuhalten, da sich die Lebensrealitäten zwischen hetero/nicht hetero und cis/nicht cis doch immer noch unterscheiden.

Du bist nicht allein – Ihr seid nicht allein

Mittlerweile finden sich in den meisten Städten Gruppen und Initiativen, die Angehörige von Menschen aus dem LGBT Spektrum unterstützen und euch beistehen und begleiten können. Ich würde dabei immer Gruppen bevorzugen, die sich selbst aus solchen menschen zusammensetzen. So ist es möglich an Informationen und Erfahrungen aus erster Hand zu kommen.
Auch wenn es für euch vielleicht neu und verunsichernd ist, so haben viele Menschen ähnliches erlebt wie ihr jetzt und viele erleben es gerade. Ihr seid also nicht allein. Gerade bei LGBT Initiativen trefft ihr auf offene Türen und Ohren, die euch beistehen wollen und können.

Das Leben geht weiter

Im laufe des Lebens verändern wir uns. Wir werden erwachsen, selbstständig und uns unserer selbst und unserer Position sicherer. Unsere Coming outs verändern sich auch.
Wenn wir uns schon lange darüber im klaren sind, wie wir lieben, werden unsere coming outs oft einfacher. Was in jungen Jahren meist wirklich ein Gespräch ist, wird später oft einfach zu einer Mittelung. weil wir lernen, dass wir nichts zu erklären haben.